Was ist Alchemie?

Antike

Die Geschichte der Alchemie beginnt, nach Darstellung der Alchemisten selbst, mit dem ägyptischen Priesterkönig Hermes. Tatsächlich ist wohl davon auszugehen, daß die Alchemie auf ägyptische Techniken der Metallbearbeitung und -färbung zurückgeht, die als magisches Geheimwissen im Besitz einer Priesterkaste waren.

An diese Kenntnisse schloß sich eine Alchemieliteratur in griechischer Sprache an, die sich vor allem im 1. bis 3. Jahrhundert n.Chr. zu einer krausen Mischung aus ägyptischer Magie, griechischer Philosophie, Gnosis, Neuplatonismus, babylonischer Astrologie, heidnischer Mythologie und christlicher Theologie entwickelte.

Überliefert sind solche Texte häufig unter den Namen göttlicher Gestalten und Heroen wie Hermes Trismegistos, Isis, Kleopatra, einer Jüdin Maria, die man mit der Schwester des Moses identifizierte und unter dem Pseudonym des Magiers Apollonius von Tyana.
Bereits hier wird die Vorstellung, im alchemistischen Umwandlungsprozeß müsse das unedle Metall absterben, um als Gold neu geboren zu werden, auf einen Reinigungs- und Erlösungsprozeß der menschlichen Seele übertragen. So entsteht eine mystische ‘innere Alchemie’, wie sie später auch im Islam und Christentum auftritt.

Die Auffassung, daß eine Transmutation unedler Metalle in Gold möglich sei, hatte ihr philosophisches Fundament in der aristotelischen Lehre, nach der jeder Stoff aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft besteht.
Es kam demnach darauf an, dieses Mischungsverhältnis in den Metallen oder ihren Grundstoffen zu beeinflussen, um das gewünschte Metall herzustellen. Auch wenn das gewählte Verfahren nur dazu führte, das Ausgangsmetall goldähnlich zu färben, galt dies schon als Teilerfolg, denn seine Farbe war bereits eine grundlegende Qualität des Goldes.
Da man die Entstehung der Metalle in Analogie zu organischen Wachstumsprozessen in der Natur auffaßte, glaubte man, die unedlen Metalle seien im Reifungsprozeß unterbrochen worden oder aufgrund des Einflusses bestimmter Gestirne unvollkommen geblieben. So entstand beispielsweise Blei, wenn der Einfluß des Saturn übermächtig war. Mit Hilfe der Alchemie, die der Natur ihre Entwerffungen gleichsam auf der Fußsocken/ wunderbarlicher Weise/ stracks nachahmen [thut] (Vigilantius de Monte Cubiti), konnte dieser Reifeprozeß fortgeführt und beschleunigt werden.

Mittelalter

Die griechische Alchemietradition endete zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. Im selben Zeitraum hatte sie jedoch schon begonnen, im arabischen Kulturkreis Fuß zu fassen.
Der Araber Jabir ibn Hayan, lateinisch Geber, entwickelte auf der Grundlage hellenistischer Alchemie eine Lehre, die bis ins 17. Jahrhundert Geltung behielt. Er nahm an, daß den vier Elementen die vier Qualitäten Hitze, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit zugrunde liegen, die sich mit der Materie als eigenschaftslosem Substrat verbinden. Bei der Enstehung der Metalle werden sie verkörpert durch Quecksilber (kalt und feucht) und Schwefel (heiß und trocken), die sich unter astralem Einfluß zum Metall vereinigen, wobei diese Substanzen eher als Prinzipien aufzufassen sind, denen die im alchemistischen Prozeß verwendeten Materialien nur näherungsweise entsprechen. Sollte aus der Verbindung von gewöhnlichem Quecksilber und Schwefel Gold entstehen, mußten sie zunächst gereinigt werden. Erst dann konnte durch ein exaktes Mischungsverhältnis das richtige Gleichgewicht von Hitze- und Feuchtigkeitsgrad hergestellt werden.

Geber - Summa perfectionis magisterii 1598 Geber 1710
In einer Vielzahl von pseudepigraphischen Schriften, denen Geber seinen Namen lieh, wurden diese Vorstellungen von späteren arabischen und lateinischen Alchemisten weiterentwickelt. Besonders klar und systematisch geschah dies Ende des 13. Jhs. in einem vermutlich in Spanien entstandenen Werk, das in Anlehnung an die scholastische Summenliteratur ‘Summa perfectionis magisterii’ genannt wurde.

Über Süditalien und die von den Arabern zurückeroberten Gebiete Spaniens kam die Alchemie im 12. und 13. Jahrhundert in das Abendland. Bis sich schließlich im 14. Jahrhundert eine eigenständige, doch auf arabischen Grundlagen beruhende, lateinische Alchemie entwickelt hatte, wurde die Alchemieliteratur, wie die Philosophie der griechischen Antike, aus arabischen Übersetzungen und Kommentaren ins Lateinische übertragen und verbreitet.

Ganz auf den heilkundlichen Aspekt der Alchemie beschränkt sich im 14. Jahrhundert Johannes de Rupescissa in seinem ‘Buch über die Quintessenz’, das häufig unter dem Verfassernamen des Raimundus Lullus überliefert ist. Er glaubte, daß jeder Stoff eine alkoholähnliche Substanz enthalte, die quinta essentia, die, ähnlich wie der Alkohol konservierend und desinfizierend wirkt, eine lebensverlängernde Wirkung haben müsse. Sie konnte aus Gold gewonnen und medizinisch eingesetzt werden wie das aurum potabile, das trinkbare Gold, das alle Krankheiten heilen sollte. Aber auch die Quintessenz des Antimons hielt Johannes de Rupescissa für besonders wirkungsvoll.

Ps. Raimundus Lullus - De quinta essentia

Frühe Neuzeit

Noch stärker wurde die medizinische Seite der Alchemie von Paracelsus (1494-1541) betont, für den die Herstellung von Gold und Silber keine Rolle spielte. Alchemie war für ihn, neben Astronomie, Philosophie und der Tüchtigkeit (virtus) des Arztes eines der Fundamente der Medizin. Schon in der Natur wirkt ein Alchemist, der alles für die Menschen lebensnotwendige hervorbringt und etwa Getreide oder Früchte (wie auch die Metalle) reifen läßt. Es muß jedoch für den Gebrauch der Menschen erst durch Handwerker wie Bäcker oder Winzer, die nichts anderes sind als Alchemisten, zur Vollendung gebracht werden.

Paracelsus

[A]lso ists auch mit der erznei, die ist beschaffen von got, aber nicht bereit bis aufs ende sonder im schlacken verborgen. iezt ist es dem vulcano [sc. dem Alchemisten] befolen, den schlacken von der erznei zutun
(Paracelsus: Labyrinthus medicorum errantium)

Die Alchemie ist allerdings nur ein Teilgebiet der Astronomie, die der Inbegriff aller Naturkenntnis ist. Denn durch den Einfluß der Gestirne entstehen die Krankheiten, aber auch die Medikamente, mit denen sie geheilt werden können. Die Quintessenz, die von jeder Pflanze und jedem Mineral übrigbleibt, wenn man die vier Elemente abzieht, korrespondiert jeweils mit einem bestimmten Stern, der wiederum, da die gesamte Welt ein lebender Organismus ist, in dem Mikrokosmos und Makrokosmos einander genau entsprechen, auf bestimmte Körperteile des Menschen wirkt. Besondere Wirksamkeit versprach sich Paracelsus von einer spagyrischen Medizin, der chemischen Herstellung von Medikamenten aus anorganischen Substanzen.

Paracelsus - Astronomia Magna

Beschränkte sich die antike Alchemie noch ganz auf die Herstellung von Edelmetallen oder auch künstlichen Edelsteinen, so gelangten die arabischen Alchemisten zu der Auffassung, daß ein Präparat, mit dem sich die Unreinheiten der Metalle ausmerzen ließen, im Menschlichen Körper eine vergleichbare Wirkung haben müßten. Fortan galt der Stein der Weisen als eine Universal Medicin, zu förderst die Menschliche/ so dann die Metallische Cörper zu curiren vnd perficiren.
Man stellte sich vor, daß dieser Stein (der häufiger als rotes schweres Pulver beschrieben wird, das wie ein Stein dem Feuer widersteht) in der Lage sei, in allen Lebewesen und genauso in allen Mineralien eine ideale Harmonie herzustellen. Wie er die Grundstoffe der Metalle ins richtige Verhältnis brachte, heilte er Krankheiten, indem er das Gleichgewicht der vier Körpersäfte bewirkte, auf dessen Störung nach der aristotelisch-galenischen Medizin jede Krankheit beruhte.

Wenn es nun um die Herstellung dieses Elixiers geht, zeichnet sich die gesamte alchemistische Literatur durch die Gepflogenheit aus, das Geheimnis des großen Werks wortreich zu beschwören und doch zu verschweigen. Allenthalben trifft man auf den biblischen Leitsatz, Perlen nicht vor die Säue zu werfen und den Hinweis, daß eine so mächtige Kunst im Besitz weniger bleiben müsse. Die eigentliche Anweisung, wie der Stein der Weisen zu gewinnen sei, wurde daher vorzugsweise in eine poetisch-religiöse Bildsprache gehüllt, die in magischen, astrologischen und kabbalistischen Andeutungen schwelgte und jedem unverständlich bleiben mußte, der keine mündliche Unterweisung durch einen Meister erhalten hatte.
Da nicht nur die Chemikalien und Geräte, sondern auch Einzelheiten des alchemistischen Prozesses durch Decknamen und gleichnishafte Erzählungen bezeichnet wurden, waren allegorische und symbolische Darstellungen das ideale Medium, den ganzen Beziehungsreichtum und die Vieldeutigkeit alchemistischer Theorien zum Ausdruck zu bringen.

Im 15. und 16. Jahrhundert wurde nicht nur die religiöse Metaphorik ausgebaut, die Alchemie selbst erhielt zunehmend eine spirituelle Zielsetzung mit der Ausrichtung auff ein anderes Philosophisches Aurum, so mit eusserlichen Augen nicht gesehen/ sonder den innerlichen gebrüfft werden muß. In einem längeren Umwertungsprozeß wandelte sich die Verdammung menschlicher curiositas als nichtige Neugier auf äußere Dinge, die nichts zum Seelenheil beitragen, zu ihrer Anerkennung als eines legitimen Mittels der Gotteserkenntnis. Neben die heilige Schrift trat das Buch der Natur, beide waren Formen der göttlichen Offenbarung, die sich gegenseitig erhellten und kommentierten. (der zudem nicht an konfessionspolitische Querelen geknüpft war. So wurde auch die alchemistische Forschung nach dem Stein der Weisen zu einer Andachtsübung, indem man das große Werk als Erlösungsgeschehen, als Suche nach der eigenen Goldnatur des Menschen auffaßte.

Abbildungen: Allegorische Darstellung des alchemistischen Prozesses nach den Illustrationen des Rosarium Philosophorum: Die Herstellung des ‘Steins der Weisen’ durch die Vermählung von Sonne (Gold bzw. Schwefel) und Mond (Silber bzw. Quecksilber). Aus: Johann Daniel Mylius: Philosophia reformata. Frankfurt/M., Jennis, Lucas/Dr.: Weiss, Johann Friedrich 1622.

Die ersten Rosenkreuzer-Manifeste

Die Verfasserschaft der beiden ersten Rosenkreuzer-Manifeste ‘Fama Fraternitatis und ‘Confessio Fraternitatis ist nicht geklärt, doch geht man davon aus, daß Johann Valentin Andreae an ihnen zumindest beteiligt war.
Handschriftlich kursierte die ‘Fama Fraternitatis’ spätestens seit 1610 und war möglicherweise schon 1611 in Marburg bekannt. Eine Reihe von Drucken zeigt, daß die Botschaft der Rosenkreuzer seit 1613 in Marburg und Kassel auf fruchtbaren Boden gefallen war.
Professoren wie Combach und Eglinus reagierten in ihren Schriften begeistert auf das wissenschaftliche Reformprogramm. Beim Kasseler Hofdrucker Wilhelm Wessel erschien in den beiden folgenden Jahren die ‘Fama Fraternitatis’ und ihre Fortsetzung, die ‘Confessio Fraternitatis’, erstmals im Druck.

In diesen beiden Schriften offenbarte angeblich eine Bruderschaft ihre Existenz, die im Verborgenen an der Erneuerung von Kirche, Wissenschaft und Staat arbeitete. Mit einer Philosophy, die viel von der Theology und Medicin einschloß, sollte die ‘alte Leier’ Papst, Aristoteles, Galen überwunden werden durch die Erkenntnis eines sinndurchwalteten harmonischen Kosmos. Dann konnte es nicht mehr heißen: Hoc per Philosophiam Verum est, sed per Theologiam falsum; da die Einheit von codex naturae und Bibel der Trennung von Theologie und Wissenschaft ein Ende setzte.
Die Reform der Wissenschaften sollte die Reform der Staaten nach sich ziehen, wenn erst den Brüdern der Fraternität in großem Umfang die Erziehung der Prinzen anvertraut würde: Ausgebildet im Weltmodell der Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos, sollte es den Fürsten möglich sein, die kosmische Harmonie auch im menschlichen Zusammenleben nachzubilden. Aus astronomischen Beobachtungen schlossen die Rosenkreuzer, daß ein neues Millenium im Anbruch war, in dem die Vollkommenheit wieder hergestellt wurde, die vor dem Sündenfall geherrscht hatte:

“Wird also alle Dienstbarkeit, Falschheit, Lügen und Finsternuß weichen und auffhören müssen, welche allgemach mit Umbweltzung der grossen Weltkugel in alle Künste, Wercke und Herrschafften der Menschen sich eingeschleichet und dieselben zum grösten Theil verdunckelt haben […]”.

In der ‘Fama’ wird der Bericht von der Rosenkreuzer-Bruderschaft in die Lebensgeschichte des deutschen Mönchs Christian Rosenkreutz gekleidet, der 1394 auf der Reise ins Heilige Land in die arabische Stadt Damcar gerät.
Bei einem dreijährigen Aufenthalt lernt er von den Weisen die arabische Sprache, Physik und Mathematik. Nach dem Abschluß seiner naturkundlichen Ausbildung reist er weiter nach Fez, in die Stadt der Magier, die ihn in Magia, Kabbala und die Lehre der Harmonie der großen und kleinen Welt, Macrocosmus und Microcosmus, einweihen. Nachdem sich ihm so das Licht der Natur und der Gnade eröffnet hat, kehrt er nach Europa zurück, um sein alle Schulweisheit sprengendes Wissen, für die große Reformation in Staat, Kirche und Wissenschaften nutzbar zu machen. Er scheitert jedoch an der Borniertheit der Gelehrten, die seine Weisheit verlachen, anstatt seine Anregungen aufzugreifen und Sozietäten zur Förderung der Wissenschaften zu gründen. Daraufhin läßt er sich wieder in Deutschland nieder, wo er die Bruderschaft des Rosenkreuzes stiftet.
Dies ist ein Bund von Ärzten und Naturkundigen, die das in Arabien erlangte geheime Wissen verwalten, aber z.B. auch zur kostenlosen Heilung Kranker verpflichtet ist. Die abschließende Schilderung, wie von den Brüdern das Grab des Christian Rosenkreuz entdeckt wurde, bietet die Gelegenheit zu zeigen, wie sehr die Rosenkreuzer Paracelsus verpflichtet sind: im Grab finden sich ein Vocabularium Paracelsi samt dessen Itinerar und Vita (womit die Fiktionalität des Lebenslaufs eingestanden wurde).

Das Echo auf diese beiden Schriften war enorm. Zwischen 1614 und 1625 erschienen über vierhundert Drucke, deren Verfasser mit der Bruderschaft Kontakt aufnehmen, Kritik oder Zustimmung äußern wollten oder ihre Existenz nach erfolglosen Recherchen generell bezweifelten.

Joh. Valentin Andreae - Turris Babel 1619 VII Miracula Naturae 1619

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